Nelly Sachs hat die Welttragödie des 20. Jahrhunderts in lyrische Bilder gefasst wie kaum jemand anderes. Vor 125 Jahren wurde sie in Berlin geboren. Eine Erinnerung an Leben und Werk einer großen Dichterin. Zum Literaturportal Bayern Zu Hagalil

Nelly Sachs zum 125. Geburtstag,
10. Dezember 1891

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Zarte Blüte, verletzliches Reh,
Kindkönigin auf eigenem Planeten,
Tänzerin in einem unsichtbaren Universum
jenseits von Raum und vor jeder Zeit –
den Blitz aus dem Stein erlösend,
mit Zauberworten, die den
Sternennebeln entliehen, –
Fischfrau, die im Sand überlebte,
Lichtsängerin in Mördernacht,
Heilerin des Tausendschmerz,
jenseits des Staubs,
in verlorenen Schuhen,
Engelin der Liebe,
Engelin, oh Engelin.

Nelly Sachs zum 125. Geburtstag,
10. Dezember 1891

Im Jahr 2010 war ich für zwei Wochen in einem der Resorts des tunesischen Ortes Sousse, die damals noch gut besucht waren und einem bizarren Schmelztiegel glichen. Hier verbrachten Deutsche ihren Urlaub, Franzosen, Italiener, aber auch Russen, wohlhabende Marokkaner, Ägypter und Libyer. Ich weiß nicht mehr, wie es sich ergab, aber eines Abends lernte ich Ahmeed kennen, einen 35-jährigen Libyer. Meine Geschichte einer kurzen Freundschaft auf dem Literaturportal Bayern.

Rauschender Warenstrom,
über den Brücken Land unter:
Lastwagen treiben durch
die Wasser der Nacht.

In der Ferne blinkende Lichter,
angeschwemmt goldener Glitzer,
Meteore im Nebel, Sirenen
in elektrischer Luft.

Ein Körper, der ungebremst fiebert,
melodischer Herzschlag der
Wellen, Autosuggestion.

Am anderen Ufer ein Zelt.
Davor ertrinkendes Feuer.
Anschwellender Strom.

an_der_donau

Wie abweisend sich
die Möwen bewegen.
Sie picken unbeteiligt im Sand,
aber immer auf Abstand.

Und dann, scheinbar ohne
Grund, fliegen sie weg.
Wir sehen ihnen zu und
können uns nicht entschließen.

Die Nacht war lang.
Die Sonne ging nicht unter.
Wir liegen herum wie
aufgebrochene Muscheln.

Der Wind blättert durch die Zeitung,
auf den ersten Seiten
Nachrichten vom Krieg.
Tote ohne Zahl und Namen.

Wir sehen den Wellen zu,
kein Wort fällt zwischen uns.
Etwas ist gestrandet in dir und mir.
Keiner weiß, wann es war.

Sand auf unseren Lippen,
in den Augen, Sand überall.
Die Möwen kehren nicht zurück.
Am Horizont brennt ein Schiff.

Am Strand

Wollen wir uns zu neuen
Kontinenten durchschlagen?
Die alten sind müde und
verbraucht. Ihre Felder

tragen kaum noch Früchte,
die Quellen sind fast schon
versiegt. Aus Asche sind die
Wolken, sie bringen keinen Regen.

Wir folgen dem Weg hinaus
aus der Stadt, wir passieren
die überwucherte Autobahn, auf
deren Seitenstreifen Schilfrohre blühen.

Viele Berge, viele Meere
liegen vor uns. Doch wir sind
gerüstet: Kompass, Messer,
Stift und Papier.

Herzensmärsche stehen an.
Hinter uns stürzen Brücken ein.
Wir rasten nur, um zu lieben.
Vor uns die Welt in Aspik.