Die ersten Flocken
stürzten in die Gischt.
Das Salz konservierte sie
wie Gezeitennahrung.
Das Meer blieb ohne Rührung.

Ziellos trieben rostige
Fischtrawler auf dem Wasser.
Ab und an kollidierten sie
mit den Wracks verschollener
Flugzeugträger aus dem Krieg.

Der Horizont wölbte sich,
bildete einen Hohlweg
aus Luft und Glas, in dem
wir die Zukunft erblickten:
das unaufhaltsame Altern der Erde.

Die Sonne warf ihr weißes Licht
an die Unterseite der Kuppel.
Zum Jahreswechsel blühten die
Kirschbäume auf der Insel,
wohin wir uns geflüchtet hatten.

Vom Ufer aus sah man junge
Männer auf einem Boot:
Sie schlugen sich gegenseitig tot.

Am Morgen versiegten alle Quellen.
Nebel senkte sich über
die flusslosen Täler,

und die Zeit tauchte ein in die
Abwässer der Natur.
Schnee über dem Meer.

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Baum an Baum an Baum,
militärisch aufgestellt,
unten das Moos
bildet Schützengräben.

Rekrutengleich marschieren
wir übers Schlachtfeld.
Im Hinterhalt
lauern Maronen.

Unterm Hochsitz leg ich dir
Küsse in den Korb.

Wie wir den Krieg gewannen.

Der Fernseher läuft.
Beständig und wahr-
nehmbar. Dieses Flim-
mern.

Draußen füllt sich alles an.
Mit den Tropfen des ver-
gangenen Nachmittagsregens.
Die fallen jetzt von den
Dächern.

Da war etwas, dahinter.
Zwischendrin.

Füllt sich an mit:

Gene sind Menschen.
Nanopartikel sind Menschen.

Innen, hinter dem Bild-
schirm. In der Röhre,
außen.

Leere.
Eine Leere, die
keine Blätter füllt.
Das steht auf
keinem Blatt.

Ich hatte einen Gedanken.
Wie froh ich bin,
ihn verloren zu haben.
Hypermnesie wäre der Tod.

Ich setze mich auf das
Bett und drehe mich nicht um.

Mars wütete über
den Dächern der
schlafenden Stadt.
Seine Haut hatte

die Flut frei gegeben,
und Blut rauschte
aus seinen Kratern
auf Einkaufszentren,

Parkgaragen und
die wie immer
ahnungslosen
Bürger herab.

Zehntausendmal
mehr Blut
als der Amazonas
Wasser führt,

mehr als der Nil,
der Jangtsekiang und
der Mississippi
zusammen.

Auch Phobos
und Deimos
staunten nicht
schlecht.

Wenn der Süden
des Herzens
eines Tages
im Norden steht,

wenn du
nicht mehr weißt,
wo oben und
unten ist,

wenn du die
Seiten wechselst
und auf die
schiefe Bahn gerätst,

wenn du dich
umsiehst und
dein Leben nicht
mehr vor dir liegt,

wenn Kontinente
sich unter deinen
Füßen verschieben,

zeigt die Nadel dir
nur ihre eigene
Bestimmung.

Supermärkte und Tankstellen
auf dem Weg nach Buckow.

Ein Stau und eine Trabrennbahn
auf dem Weg nach Buckow.

Spielhöllen und Möbelparadiese
auf dem Weg nach Buckow.

Windräder und Schlöte
auf dem Weg nach Buckow.

Steinhäuser und Ruinen
auf dem Weg nach Buckow.

Schienen, die ins Leere laufen,
auf dem Weg nach Buckow.

Eine Kathedrale aus Bäumen
auf dem Weg nach Buckow.

Ein Specht und ein Reh
auf dem Weg nach Buckow.

Bertolt und Helene
auf dem Weg nach Buckow.

Du und ich
auf dem Weg nach Buckow.

dsc03015

Spiegel, die verzerrte
Gesichter zeigen,
Metamorphosen, ein
aufgefächerter Blick.

Ein Eiffelturm, der
schief steht wie der
zu Pisa,

Dosen, mit frischen
blauen Äpfeln im Gepäck.

Schmetterlinge und Vögel,
aus Büchern von gestern
geschnitten,

sterbende Engel ohne Flügel,
die um Küsse sich stritten.

Worte, fliegende Lippen,
auch Venus lebt hier,

Pilze und Eier,
Vogelhäuschen und
Nofretete in Papier.

Allerlei Zer-
rissenes

und ein
zerknittertes

Selbstbildnis
von dir.

(für Jiří Kolář)

Zarte Blüte, verletzliches Reh,
Kindkönigin auf eigenem Planeten,
Tänzerin in einem unsichtbaren Universum
jenseits von Raum und vor jeder Zeit –
den Blitz aus dem Stein erlösend,
mit Zauberworten, die den
Sternennebeln entliehen, –
Fischfrau, die im Sand überlebte,
Lichtsängerin in Mördernacht,
Heilerin des Tausendschmerz,
jenseits des Staubs,
in verlorenen Schuhen,
Engelin der Liebe,
Engelin, oh Engelin.

Nelly Sachs zum 125. Geburtstag,
10. Dezember 1891

Im Jahr 2010 war ich für zwei Wochen in einem der Resorts des tunesischen Ortes Sousse, die damals noch gut besucht waren und einem bizarren Schmelztiegel glichen. Hier verbrachten Deutsche ihren Urlaub, Franzosen, Italiener, aber auch Russen, wohlhabende Marokkaner, Ägypter und Libyer. Ich weiß nicht mehr, wie es sich ergab, aber eines Abends lernte ich Ahmeed kennen, einen 35-jährigen Libyer. Meine Geschichte einer kurzen Freundschaft auf dem Literaturportal Bayern.

Rauschender Warenstrom,
über den Brücken Land unter:
Lastwagen treiben durch
die Wasser der Nacht.

In der Ferne blinkende Lichter,
angeschwemmt goldener Glitzer,
Meteore im Nebel, Sirenen
in elektrischer Luft.

Ein Körper, der ungebremst fiebert,
melodischer Herzschlag der
Wellen, Autosuggestion.

Am anderen Ufer ein Zelt.
Davor ertrinkendes Feuer.
Anschwellender Strom.

an_der_donau

Wie abweisend sich
die Möwen bewegen.
Sie picken unbeteiligt im Sand,
aber immer auf Abstand.

Und dann, scheinbar ohne
Grund, fliegen sie weg.
Wir sehen ihnen zu und
können uns nicht entschließen.

Die Nacht war lang.
Die Sonne ging nicht unter.
Wir liegen herum wie
aufgebrochene Muscheln.

Der Wind blättert durch die Zeitung,
auf den ersten Seiten
Nachrichten vom Krieg.
Tote ohne Zahl und Namen.

Wir sehen den Wellen zu,
kein Wort fällt zwischen uns.
Etwas ist gestrandet in dir und mir.
Keiner weiß, wann es war.

Sand auf unseren Lippen,
in den Augen, Sand überall.
Die Möwen kehren nicht zurück.
Am Horizont brennt ein Schiff.

Am Strand

Wollen wir uns zu neuen
Kontinenten durchschlagen?
Die alten sind müde und
verbraucht. Ihre Felder

tragen kaum noch Früchte,
die Quellen sind fast schon
versiegt. Aus Asche sind die
Wolken, sie bringen keinen Regen.

Wir folgen dem Weg hinaus
aus der Stadt, wir passieren
die überwucherte Autobahn, auf
deren Seitenstreifen Schilfrohre blühen.

Viele Berge, viele Meere
liegen vor uns. Doch wir sind
gerüstet: Kompass, Messer,
Stift und Papier.

Herzensmärsche stehen an.
Hinter uns stürzen Brücken ein.
Wir rasten nur, um zu lieben.
Vor uns die Welt in Aspik.

Ein junger Magier,
der den Tod
so liebt wie
das Leben:

Wie seine Finger sich
zu Gittern spannen,
als verschränkten sich
Wille und Skepsis darin.

Wie sie sich stützen
und einander beugen!
Doch wohin sie auch zeigen,
ihr Fluchtpunkt sind die Augen.

(Cesky Krumlov)

Gedichte sind wirkungs- und nutzlos, zu nichts zu gebrauchen – wörtlich wie man es einem Taugenichts vorwirft, einem Trinker oder –  Poeten. Und es gibt keinen Grund, das zu bedauern.
Denn diese Nutzlosigkeit ist gut für das Gedicht, sie ist sein Emblem, seine unverwechselbare Eigenschaft, sein spezielles Surplus in der Welt des Überflusses.
Mein Essay auf dem Literaturportal Bayern. Zum Essay

Mit heißer Hoffnung im Herzen
steigen sie den Weg in die
Alfama hoch, zur Kirche des
Heiligen Antonius.

Sie bringen Blumen
mit und Kerzen,
geduldig stehen sie
auf der Treppe an.

Dann und wann ein schweres
Atmen, ein Stechen in der Brust.
Ihre Körper gespannt in Zuversicht
und tief erlebter Glaubenslust.

Seine Zeugnisse verleihen ihnen Kraft:
den alten Frauen mit flehendem Blick,
den Greisen, den Tod schon im Genick,
den jungen Paaren in froher Erwartung.

Mit frischen Blumen
streicheln sie sein Bild
und tragen es fortan in sich mit,
in demutsvoller Haltung.

(Lissabon, am 13. Juni)

SDC15975

Schnell noch schlafen,
schnell noch pokern,
schnell noch ein Herz
verschickt oder ein Lächeln.

Vor sich hin starren,
in den Augen noch Sand,
in den Aktentaschen
die Träume der Nacht.

Rasierwasser macht trunken,
Nagellack brennt,
Dunst und Turbinen über
der morgendlichen Stadt.

Köpfe schweben und sinken,
doch kurz vor dem Einnicken
richten sie sich auf,
die Augen geschlossen.

Was sagen die Überschriften?
Wie klingen die Kaffeemaschinen?
Warten auf die Ansage.
Und tippen, tippen, tippen.

Der Frühling zauderte.
Unversehens kamen
noch einmal kühlere Tage.
Alles wurde unhaltbar,
ein Niedergang zeichnete
sich ab.

Dann schneite es
noch einmal –
feine, weiße
Flocken wie
verspätete
Kirschblüten.

Lass dich treiben,
fall aus allen Wolken!
Die Züge erreichen
nie ihr Ziel, und das
Leben hat Verspätung.

Sag ab die Termine,
widersteh dem Sekundentakt!
Morgen ist der Tag verschwunden,
und die Zukunft wird
zum Artefakt.

Das alte Haus des
Schneidermeisters
steht still da.

Alle Kriege haben es
verschont, es sieht zer-
schunden aus und
lange nicht bewohnt.

Die Vorhänge mit Rüschen
hängen an den Fenstern noch,
wer hat sie früher mal
gemocht und angebracht?

Spekuliert wird auch, wer
das Haus heute wohl besitzt.
In die Tür ein
Datum eingeritzt,

aus einer Zeit, die
niemals war.
So stellt es sich
Besuchern dar.

DSC01342

Der Sommer nimmt
das Licht mit in
den nächsten Raum.
Nächte wölben sich
über Autobahnen
und hissen blaue
Himmelsfahnen
über dem
Maschinentraum.

Für einen Augen-
blick steht die
alte Zeit.
Die Erde ruht
im kalten All.
Propheten längst
verlöschten Glücks,
funkeln Sterne
silbern kahl.

autobahn_carfryday

DSC00687Komm, wir hauen ab
aus dem Tempel, nichts
was uns hier noch hält.

Die Flüsse liegen
in den falschen Betten,
die Kanäle laufen über
und die Brunnen versiegen.

Die Dinge sind
beseelter als die
Wesen, sie führen
ein eigenwilliges Leben.

Wir aber haben uns
an den Bildern infiziert.
Der Untergang
von Theben.

DSC00771Die Mauern bekommen Risse,
die Treppen stinken nach Pisse,
es bröckelt der Putz.

Dann verdunkeln sich die Fenster,
dann klirren matte Scheiben,
dann schließen sich die Türen
ein allerletztes Mal.

Was stand, fällt
in sich zusammen,
Staub wirbelt auf,
und die Zeit
nimmt ihren Lauf.

throwing_muses.jpgWir wollten unbedingt
nach Neapel, und sei es
nur für ein paar Tage.

Sie wollte gut essen gehen,
auch neue Schuhe hatte
sie im Sinn.

Selbstverständlich standen die
Katakomben auf dem Plan,
und am letzten Tag

wollte ich vom
Zimmerfenster aus
Pompeji versinken sehen.

1241 erste
urkundliche
Erwähnung

1536 ein Feuersturm
zerstört den
Stadtkern

1643 Eroberung
durch die
Schweden

1697 Einweihung
der Kirche
St.Sebastian

1759 der Turm
von St.Michael
stürzt ein

1881 Gründung
der Porzellanfabrik
Bauscher

1900 Einweihung
der Kirche
St.Josef

1910 Gründung der
Porzellanfabrik
Seltmann

1913 Gründung des
Wäschehauses
Josef Witt

1980 Bau
des neuen
Rathauses

1987 Anschluss
ans Autobahnnetz

(Aus einer Heimatchronik)

DSC00779

Wie selbstlos und
bescheiden du da thronst,
von unzähligen Blicken
schamlos erfasst:

Sie messen die
Rundungen deines
makellosen Körpers ab,
der wie ein Komet

aus einer anderen
Welt auftaucht,
die keine
Geschichte kennt.

Hinter archaischem
Sicherheitsglas,
in einem Raum mit
Ammoniten und Knochen,

legst du sanft deine
Hände auf die Brust,
die Augen unter den
Haaren verborgen.